Spielräume entdecken

Etwas zusammengezuckt bin ich schon. Als ich das Motto der diesjährigen Aktion „Sieben Wochen ohne“ las: „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden“. Das war irgendwann im frühen Winter, der nächste harte Lockdown stand bevor. Im Kopf hatte ich noch die Nachrichten von improvisierten Glühweinständen in der Adventszeit, von einer großen Hochzeitsfeier hinter der dänischen Grenze und von der Sehnsucht so vieler, sich endlich mal wieder mit mehr als nur Personen eines weiteren Haushaltes treffen zu können – „Es muss doch niemand merken!“ – An sich liebe ich dieses Wort „Spielraum“ und mag keine Vorschriften und Regelungen ohne die Möglichkeit sie anzupassen, Ausnahmen zu gestatten, im konkreten Fall zu sehen, was möglich ist.

So hatte ich mir das nicht vorgestellt: die Passionszeit derart körperlich leidend zu beginnen. Na ja, es ist nur eine Kleinigkeit, ein vereiterter Daumen, aber ihr wisst ihr, wir Männer sind da gerne etwas wehleidiger., darum wollte der liebe Gott uns ja auch nicht mit dem Kinderkriegen betrauen ... Jetzt ist er erst einmal behandelt und verbunden, der eitrige Daumen, und wenn es dann nochmal pocht und zieht, versuche ich tapfer daran zu denken, wie viel unendlich mehr an Leiden unser Herr Jesus für uns auf sich genommen hat! Ja, wir sind im Kirchenjahr in der Passionszeit gelandet. 47 Tage sind es bis Ostern. Ja, 47 – keine 40 Tage oder sieben Wochen, wie es manchmal scheint, etwa bei der Aktion „7 Wochen ohne“. Wobei schon in alter Zeit diese Zeit vor Ostern als Fastenzeit begangen wurde, aber die Sonntage der Fastenzeit waren vom Fasten ausgenommen. Und so wurden dann aus 47 Tagen von Aschermittwoch bis Ostern effektiv 40 Fastentage, die an Jesu 40 Tage in der Wüste, bevor er öffentlich anfing zu predigen, erinnern oder auch die 40 Tage der Sintflut oder die 40 Jahre der Wüstenwanderung des Volkes Israel. 40 Tage sind eine Zeitspanne, die der Vorbereitung auf etwas Neues dienen soll.

Mittwoch vor dem Faschingswochenende – das war der Tag, an dem es bei uns damals daheim, als ich Kind war, mittags nur eine Suppe gab und zugleich der Geruch leckerer, frischgebackener Kreppel die ganze Wohnung erfüllte: Meine Mutter und meine Oma verarbeiteten an diesem Tag eine Kilo Mehl. Donnerstag und Freitag durften dann – einen Tag meine Schwester, einen Tag ich: Freundinnen und Freunde zum Kreppelkaffee einladen. Am Freitag lief immer „Mainz bleibt Mainz“ im Fernsehen, und dann am Wochenende war ich unterwegs: auf Karnevalsumzügen, Faschingsbälle bis zur Kehrausfeier der katholischen Kirchengemeinde bei uns in Wiesbaden am Fastnachtsdienstag. – Und so hat mich Karneval begleitet. Im Studium in Mainz durfte am Donnerstag (Altweiberfastnacht – darf man das noch so nennen) unseren Professoren, wenn sie unvorsichtigerweise eine Krawatte trugen, selbige abgeschnitten werden. Im Vikariat gab es im Nachbarort einen kleinen Umzug. Im Vogelsberg luden wir als Kirchengemeinde zum Kinderfasching ein. Und in Nordhessen wurde ich als Pfarrer gefragt, ob ich bei der örtlichen Faschingssitzung nicht mit Bürgermeister und einigen anderen Männern beim „grazilen“ Männerballett mitmachen wollte. – Hier in Nordfriesland gibt es anderes – die fünfte Jahreszeit ist hier, hab ich gelernt: die Grünkohlzeit. Ein Männerballett stellt bereits die Feuerwehr Emmelsbüll-Horsbüll, und die sind richtig gut!

Ein Sämann geht aus und wirft Samen. Einiges fällt auf den Weg und wird zertreten; einiges fällt auf Fels und verdorrt. Einiges fällt unter die Dornen und erstickt. Einiges fällt auf gutes Land und geht auf und trägt hundertfältig Frucht! (nach Lukas 8,4-8) – Das Gleichnis hat mich schon als Kind begleitet. Manchmal hörte ich es so, dass da verschiedene Menschengruppen genannt seien: Menschen hören Gottes Wort, und bei vielen passiert nicht viel – und bei einigen findet dieses Wort fruchtbaren Boden. Längst aber ist mir bewusst, dass ich selber so unterschiedliches Land darstelle für Gottes Wort. Manchmal bin ich der, der nicht richtig hin hört – und Gottes Wort wird gleich zertreten.

Gerade war ich in der Emmelsbüller Kirche und habe die Würfelwand abgebaut – die Wand, die Kinder mit Gedanken, Bildern und Wünschen zu Weihnachten gestaltet haben. Die Seebrise e.V. hatte die Würfel samt Idee zur Verfügung gestellt, und so wurde eine gemeinsame Kinderaktion daraus. Und die Bilderwand war ein ganz besonderer Kirchenschmuck! Nun ist also wieder abgeschmückt. Denn Weihnachten ist vorbei. Jetzt erst, fragt ihr vielleicht? Weihnachten ist doch schon eine gefühlte Ewigkeit her! Die Weihnachtskarten sind längst beiseite gelegt. Die Weihnachtsplätzchen sind bei uns (fast) alle aufgefuttert. Der Christbaum längst schon von der Feuerwehr abgeholt worden. Die Weihnachtsdeko verschwunden. Fast, sagen wir mal. Weihnachten. Und doch sah ich erst am Wochenende in der Nachbarschaft Weihnachtsdekoration noch leuchten! Und das zu Recht.

„Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“ – Dieser Bibelvers aus Jesaja 56,5 gab in Israel der Gedenkstätte Yad Vashem ihren Namen: Denkmal und Name. Es war der Tag auf unserer Israelreise, der uns für eine ganze Weile verstummen ließ. Eindrücke nahmen wir mit, die wohl niemand, der dabei war, wieder vergessen kann. Der Besuch des Museums zur Geschichte des Holocaustes. Die Halle der Erinnerung mit den Namen der 22 größten Konzentrationslager, in den Boden eingraviert. Die Allee und der Garten der Gerechten unter den Völkern.