„Danke, dass ihr noch hier seid!“ Aufmerksam schaut er in die Runde. Kleiner geworden ist der Kreis. Gerade hatten sich einige von ihm losgesagt. Vielleicht, weil sie zweifelten oder ihnen der Einsatz zu hoch wurde oder andere sie belächelten. Wollt ihr auch gehen, hatte er daraufhin gefragt und in die Runde geschaut. „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (Johannes 6,68) antwortet Simon Petrus, sein Freund. Er ist entschlossen zu bleiben.
Danke, dass ihr noch hier seid! So denkt bestimmt auch der Schreiber des Hebräerbriefes. Alles andere als selbstverständlich ist es zur Gemeinde Jesu zu gehören, zumal in jenen Zeiten, wo die Christen verfolgt wurden. Im Hebräerbrief erfahren wir, dass einige die gottesdienstlichen Versammlungen verlassen und sich von der Gemeinde zurückgezogen haben. Aber ihr, so appelliert der Schreiber im Hebräerbrief an die Gemeinde: Haltet aus und vertraut euch Gott an. „Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken, denn er ist treu, der sie verheißen hat. Und lasst uns aufeinander achthaben und zur Liebe und zu guten Werken anspornen“. (Hebräerbrief 10,23–24).

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Keine Frage: wir Christen brauchen die Gemeinschaft mit anderen um Zweifel auszuhalten, Gottesdienst zu feiern und die Welt zu einem besseren Ort zu machen, Liebe zu geben, Brücken zu bauen, von Mensch zu Mensch, von Religion zu Religion.
Ja, danke, dass Sie noch bei uns sind in den Kirchengemeinden der Vier-Bülls. So viele Schreiben haben uns in diesem Jahr schon erreicht: Austrittserklärungen aus der Kirche und damit auch aus unseren Gemeinden.
Mir tut das immer weh. Wir haben so wunderschöne Kirchen vor Ort. Wir haben Menschen, die sich einbringen, mit Zeit und Liebe, ehrenamtlich oder nebenamtlich. Schade, wenn wir Menschen damit nicht erreichen. Selbstzweifel nagen an mir: Hab ich als Pastor versagt? Bestimmt, manchmal gibt es Enttäuschungen! Und oft sind es einfach finanzielle Gründe, die Menschen veranlassen ihrer Kirche den Rücken zu kehren. Hinzu kann Ärger kommen mit der Instiution Kirche oder eine Entfremdung zu kirchlichem Leben: was habe ich für einen Nutzen von meiner Kirchensteuer, wo ich doch das ganze Jahr Kirche und Pastor nicht in Anspruch nehme? – Ich kann das verstehen: da verdient jemand sein erstes Gehalt, und Kirchensteuer geht ab.
Da sind die Kinder in der Ausbildung, das Haus noch nicht abgezahlt – und dann der Kirchensteuerbeitrag. Da hat jemand gute Einkünfte, mit viel Fleiß sich etwas aufgebaut – und umso mehr Kirchensteuer wird einbehalten. Ich bin nicht glücklich mit diesem Kirchensteuersystem. Und doch finde ich es noch eines der sozialsten: 9% der Einkommenssteuer wird als Kirchensteuer einbehalten. Das ist nicht einmal ein Zehntel von dem, was der Staat von meinen Einkünften einbehält. Wer wenig verdient, muss auch weniger zahlen. Und wer keine Einkünfte hat oder Sozialhilfe empfängt oder Rentner ist, muss keine Kirchensteuer zahlen. Ich finde das eine vom christlichen Gedanken getragene, ziemlich sozialverträgliche Form der Fi- nanzierung. In biblischen Zeiten haben die Menschen den zehnten Teil all ihrer Einkünfte und Ernten abgegeben: für die Priester und den Tempel und die Armen. Nicht, weil sie damit immer so zufrieden waren. Aber sie sagten sich: Gott hat uns das Leben geschenkt. Er gibt uns Nahrung und Arbeit und Menschen an unserer Seite. Dann wollen wir dankbar sein und etwas zurückzugeben. Mancher sagt heute: Kirche hat eh schon genug Geld. Aber das stimmt so nicht.
Die evangelische Kirche hat nicht riesige Geldmengen
gehortet. Sie besitzt Immobilien und Grundstücke, die häufig vor allem einen ideellen Wert haben. Sie gibt ihre Einnahmen zum Vorhalten von Kindertagesstätten, Krankenhäusern oder in die Familienarbeit (Diakonie) mit ihren vielen Hilfsangeboten für alle Bevölkerungsschichten. Das meiste Geld des kirchlichen Haushaltes fließt so in das Personal und in den Unterhalt von Gebäuden.
Wir als Kirchengemeinden vor Ort bekommen je nach Anzahl unserer Gemeindeglieder einen Anteil an den Kirchensteuerein- nahmen ausgezahlt. Und daneben eine Grundzuweisung für Gebäudeunterhalt und Personalkosten vor Ort. Damit können und müssen wir wirtschaften. Aber zur dauerhaften Unterhaltung unserer Kirchen und zur Finanzierung besonderer Projekte: Jugendfreizeiten, Konzerte und anderes: sind wir immer auch auf Spenden und zusätzliche Unterstützung angewiesen. Und es wäre so schade, wenn wir irgendwann unsere Kirchen, die so viel erzählen können und jahrhundertelang von Menschen mit so viel Liebe erhalten wurden, irgendwann nicht mehr halten können!
Aber was mir besonders weh tut, wenn jemand geht, ist: dass wir als Gemeinde – und Gott sowieso – doch jedes Menschenkind brauchen um die Botschaft von Gottes Liebe in die Welt zu tragen, und es ist wichtig, dass wir uns dabei vor Ort gegenseitig als Gemeinde unterstützen!
In Italien gibt es eine Kapelle mit kleinen Fenstern, die immer sehr dunkel ist. Zum Gottesdienst bringt jeder von daheim eine Kerze mit. Nur wenn viele kommen, ist es für alle hell genug um aus der Bibel vorzulesen oder im Gesangbuch zu singen. Wenn viele sonntags fehlen, bleibt es für die anderen zu dunkel um singen und vorlesen zu können. Darum kommen sonntags immer besonders viele zum Gottesdienst: denn sie wissen sich füreinander und für den Gottesdienst verantwortlich.
Danke, dass Sie noch dabei sind! Und wer ausgetreten ist, darf trotzdem kommen: Kirchentüren sind für jeden offen, und unsere Herzenstüren sollten das auch sein. Wer zurückkommen will: ein Anruf beim Pastor genügt, und es wird uns ein Anlass sein für ein Freudenfest! Ja, es ist wahr: Kirche ist nicht vollkommen. Sie ist auf Menschen gebaut. Aber: wir brauchen euch, eure Kerzen, eure Hoffnung, eure Liebe, euren Glauben und Gottes Beistand: dann kann es heller werden auf der Erde. Und etwas mehr Himmel wird spürbar!


Herzliche Grüße!


Euer Gerald Rohrmann