Erntedank – gerade jetzt!

Sollen wir Erntedank in diesem Jahr ausfallen lassen – allein schon wegen Corona, der Abstandsregeln, die Gottesdienst mit mehr Menschen als gewöhnlich und gar mit Abendmahl ja kaum möglich machen? Und die gute Suppe vom Kaufmann in Klanxbüll können wir anschließend ja auch nicht im Gemeindehaus genießen! So fragt mancher angesichts des bevorstehenden Erntedankfestes. Wofür sollen wir denn in diesem Jahr danken? Na ja, die Bayernfans unter uns haben eine Antwort: das Triple war ja nach dem Saisonstart 2019 im Herbst nicht zu erwarten gewesen, und jetzt dieser Triumph! Viele der Landwirte haben in diesem Jahr mal wieder etwas mehr Grund zum Danke-Sagen, war doch nach Zeitungsberichten die Ernte hier im Norden deutlich besser als in den zwei dürren Jahren zuvor. Aber was ist mit den vielen im Tourismus Beschäftigten? Mit den Überlasteten in den Gesundheitsämtern und Krankenhäusern? Mit den Bangenden in Seniorenheimen? Mit den vielen, die noch immer in Kurzarbeit sind? Mit denen, die endlich wieder mal sorglos und ohne Abstände ihre Großeltern oder ihre Enkelkinder knuddeln wollen? Mit denen, die ohne stundenlang im Zug Maske zu tragen ihre Familie in anderen Teilen Deutschland besuchen wollen? Mit denen, die sich verzehren nach einem Konzertbesuch, nach einem Fußballspiel im vollen Stadium, nach Abtanzen in einer Diskothek, nach einer Feier ohne Sorge zum Ansteckungsherd zu werden? Und doch gibt es Gründe zum Danken, so gewichtig, dass wir dieses Erntedankfest in diesem Jahr intensiver feiern sollten als in den Jahren zuvor! Darf ich einfach mal von mir erzählen? Wie schwer waren die ersten Beerdigungen unter Corona-Bedingungen , und wir durften nur im kleinen Kreis zusammenkommen und nicht in die Kirche. Aber das Wetter spielte fast immer mit für die Andacht draußen am Grab. Und als es einmal regnete, meinte jemand aus der Familie: Schau, das passt, der Verstorbene hat den Regen geliebt! – Im Fernsehen hörten wir beim Lockdown von der Situation von Familien in den Städten, die auf engem Wohnraum nun wie eingesperrt waren. Aber hier haben wir den Deich, die Weite der Landschaft, durften nach draußen, und ich genoss den Abend, wenn ich mit Martha, unserer Jüngsten, auf dem Fahrrad eine Runde drehte. Eltern nutzten den Lockdown um mit ihren Kindern Dinge zu erleben, für die im normalen Alltag meist keine Zeit bleibt. Und unsere Onlinegottesdienste schauten auch Menschen, die schon länger nicht mehr in einer Kirche waren. Und so wurden auch Ostersteine als Hoffnungssteine bemalt und hier in der Landschaft ausgelegt – Tausend Dank dafür, guter Gott! Am 4. September durfte ich erstmals mit Ines am Keyboard wieder im Nis Puk mit den Heimbewohnerinnen und -bewohnern eine Andacht feiern. So viele saßen lange nicht bei der Andacht wie an dem Vormittag. Und es tat so gut sich wieder zu sehen. Ich musste hinter der Maske sprechen – aber wir konnten live zum Gottesdienst zusammen sein! Was für ein Geschenk! – Einen Tag später folgte der erste von fünf Konfirmationsgottesdiensten. In kleinen Gruppen von 1–2, einmal dann vier Konfirmandinnen und Konfirmanden. Im heimischen Garten, im DGH Lübke-Koog, in den Kirchen. Und zu jeder Feier hatten sich die betroffenen Familien so viele Gedanken gemacht, Wünsche formuliert, Lieder ausgesucht, Mitwirkende gefunden: Patenonkel, die einsegnen, Patentanten, die Wünsche formulieren, Eltern, die taufen, Gäste der Feier, die Saxophon spielen oder trommeln, der Papa und die Schwester, die singen – tausend Dank dafür, guter Gott! – Und ich könnte noch mehr erzählen: von unserer Ältesten, deren Ausbildungsstelle Gott sei Dank nicht gestrichen wurde trotz der Einschränkungen im Tourismusbereich. Von der einen Hochzeit, die vor der Kirche bei so schönem Wetter stattfand. Von meiner Fahrt mit Mund-Nasen-Bedeckung im Zug nach Wiesbaden: anstrengend zwar, aber ich konnte meine Eltern wieder besuchen! Von dem Geburtstagsbesuch eines Gemeindegliedes: vorsichtig, auf Abstand standen wir draußen im Hof eine Stunde lang – es war so schön einander erzählen zu können! Ich bin überzeugt, dass Gott uns nicht einfach Leid, Krankheit, Seuchen, Not schickt. Ich bin überzeugt, dass nicht alles, was geschieht, genauso Gottes Willen ist. Aber dass Gott will, dass wir alle Herausforderungen mit ihm bestehen können. Er ist da. Er will uns die Kraft und die Ideen schenken aus Bösem doch noch etwas Hoffnungsvolles erwachsen zu lassen. Das ist Gottes ganz besondere Spezialität. Aus dem Kreuz, an dem Jesus hing, hat er das große Plus unseres Heiles werden lassen. Mit Liebe will er diese Welt verwandeln und tut es jeden Tag. Und bei ihm gibt es immer ein Morgen, eine Zukunft, die lohnt, auch wenn die Gegenwart so schwer ist. Dafür will ich in diesem Jahr Danke sagen. Und denen danken, die mit Herzblut in der Pflege, in den Krankenhäusern, in der Forschung, in der Politik, in der Öffentlichkeit sich dem Virus entgegenstellen. Hoffnung wecken. Verantwortung ernst nehmen. Durchhalten. Rücksicht üben. Und mit einem Lächeln Mut machen. Wie steht im 1. Petrusbrief 2,9: „Ihr sollt die Wohltaten dessen verkündigen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht.“ Achtet auf das Licht, das auch in dunkle Tage fällt. Und seid ihr der Lichtbringer, die Lichtbringerin dort, wo es gar nicht mehr hell zu werden scheint. Und macht es wie Gott: Versucht euch darin mit bestem Vermögen und viel Liebe: Finsternis in Licht zu verwandeln. Wie Gott es ständig tut: Für uns. Und mit uns! Bleibt behütet! Und vielleicht sehen wir uns ja in einem Erntedankgottesdienst – oder treffen uns beim Dankesagen irgendwo ganz anders!

Euer Pastor Gerald